Es war kurz vor Beginn einer Konfirmandenstunde, als uns die Nachricht erreichte, ein Flugzeug wäre in das World-Trade-Center gestürzt. Und zuerst dachte ich an unser World-Trade-Center in Dresden — ein Einkaufscenter, wie es in den 90er-Jahren in vielen deutschen Großstädten hochgezogen wurde — und an einen Hobbypiloten, der vielleicht betrunken oder anderweitig gehandicapt in das Center gesegelt wäre. Doch, nein, es ging um das World-Trade-Center in New York, ein Gebäude zu dem ich, ein dreizehnjähriger Junge aus Dresden, keine Beziehung hatte. Nach der Konfirmandenstunde eilten wir trotzdem nach Hause zurück, neugierig darauf, was da tatsächlich geschehen war. Im Wohnzimmer lief der Fernseher und inzwischen war da noch ein zweites Flugzeug und klar geworden, dass sich niemand verirrt hatte, es sich nicht um ein tragisches Verkehrsunglück, sondern um einen Terroranschlag handelte.

Seitdem sind unter unser aller Augen hunderttausende Menschen dem Terror erlegen. Doch die Anschläge vom 11. September 2001 stechen als Faszinosum immer noch heraus. Sie waren weder die ersten und sollten nicht die letzten Terrorakte unserer Zeit bleiben, doch — ich kann es nicht anders sagen — ihre Kühnheit, Präzision und Wucht bleiben nicht umsonst im Gedächtnis einer ganzen Generation. Menschen fliegen Flugzeuge in Wolkenkratzer. Die Symbole menschlichen Fortschritts werden umgemünzt zu Symbolen seiner Abgründigkeit. Alle, die das damals gesehen haben, schauen heute verändert auf die Skylines der Welt und sind bereit, die Waffenhaftigkeit auch der schönsten und beeindruckendsten Techniken anzuerkennen.

Für viele Menschen brach am 11. September ihre Welt zusammen, für die Angehörigen der Opfer und auch für viele Unbeteiligte, die sich berechtige Sorge um den Frieden in der Welt machten. Zum ersten Mal erlebte ich bewusst, dass es in den Nachrichten wieder um Rache ging, auch wenn sie als Gerechtigkeit maskiert wurde. Entfesselt wurde abermals die größte Kriegsmaschinerie der Gegenwart, gelenkt von einem Politiker, der vielen Menschen diesseits des Atlantiks als Trottel erschien. Präsident Bush sprach vom Heiligen Krieg, seine — unsere? — Feinde vom Dschihad. Die Jagd auf Terroristen konzentrierte sich bald auf ein Land, von dem ein dreizehnjähriger Junge aus Deutschland damals noch nie gehört hatte, Afghanistan. Heute kennt jeder Dreizehnjährige diesen staubige Flecken Erde am Hindukusch, an dem auch unsere Freiheit verteidigt wird.

(aus „Warum ich kein Pazifist mehr bin“, August 2014)