An dieser Stelle ein Ausschnitt eine Kurzversion, eines von mir vor über zwei Jahren verfassten Textes:

An einigen Stellen [der Bibel] geht es um die in der antiken Welt übliche Knabenliebe. Diese wird abgelehnt, weil es sich hierbei um ein nach dem Evangelium unzulässiges Abhängigkeitsverhältnis handelt. Das Verbot richtet sich also gegen Päderastie. Wir lernen vor allem von Paulus, dass eine sexuelle Beziehung von Gleichberechtigung, von fairer Partnerschaft geprägt sein muss. An anderen Stellen geht es um – flapsig formuliert – „Gelegenheits-Homosexualität“. Also um homosexuelle Praktiken, die z.B. im Kriege, in Gefängnissen, auf Schiffen – eigentlich immer dort wo es an Frauen mangelte – zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse ausgeübt wurden.

lesbenkreuz

Wenn der sexuelle Akt eine religiöse Dimension hat, dann nur, wenn er nicht allein der oberflächlichen Befriedigung sexueller Bedürfnisse dient, sondern ein im wahrsten Sinne des Wortes intimes Geschehen ist, also in die Tiefe geht. Intimität setzt gleichberechtige Partner voraus, deshalb verdammen die Autoren der Bibel sowohl Päderastie als auch den homosexuellen (übrigens auch den heterosexuellen) „Gelegenheits-Verkehr“. Wobei hier keine Häufigkeit („gelegentlich“) gemeint ist, sondern eine Motivation („weil es mir gelegen kommt“).

Intimität als tiefster Grund der Sexualität setzt Einvernehmen, Gleichberechtigung und die Bereitschaft voraus, sich mitzuteilen. Sex ist die direkteste Kommunikation, zu der Menschen fähig sind. Wir lassen alle Hüllen fallen und begeben uns in die unmittelbare Nähe eines anderen Menschen. Wir geben die Kontrolle ab und lassen uns aneinander Teil haben. Eine solche Intimität berührt uns fundamental, weil wir in der Begegnung mit einem anderen Menschen zu uns selbst kommen. Wir erkennen uns als wertvoll und aufeinander angewiesen, und doch als endliche Wesen. Eine solche Intimität ist die Tiefe und also die religiöse Dimension jeder Sexualität. Kann diese Intimität auch von Schwulen und Lesben gelebt werden?

Die alt-orientalische Stammesgesellschaft lehnte eine partnerschaftliche Homosexualität ebenso ab wie die „Gelegenheits-Homosexualität“ – das muss man nicht verschweigen. Sie tat das ganz einfach deshalb, weil man sie für den Zusammenhalt der Gemeinschaft als schädlich empfand. An diesem Beispiel können wir mehr über das Verhältnis der Religion zu unterschiedlichsten Sozialformen lernen, als über Homosexualität. Denn das religiöse Verbot der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft (auch in anderen Religionen) ist nichts anderes als eine Legitimation einer als nützlich angesehenen Sozialform.

Auf die gleiche Weise hat das Christentum zum Beispiel auch die bürgerliche Kleinfamilie heiliggesprochen, weil es ihr ihrem Zwecke nach nützlich erschien. Im Bewusstsein sich selbst auszudrücken hat die Kirche zur Stabilisierung vieler Sozialformen beigetragen. Von einigen wissen wir heute, dass die Christenheit damit in Widerspruch zu ihrer eigenen Sendung geriet, z.B. als sie die Volksgemeinschaft heiligpries, den Feudalismus weihte, die Waffen segnete.

Immer dann wenn die Religion eine einzelne Sozialform nicht nach ihrem tiefsten Grund befragt, sie transzendiert und unter ihr Gericht stellt, kommt sie ihrer Sendung, nach dem Unbedingten zu fragen, nicht nach, sondern setzt Bedingtes an seine Stelle. Die Bibel nennt das Götzendienst.

Haben wir auch die heterosexuelle Paarbeziehung zu einem Götzen gemacht? Sollte das Christentum neu nach dem tiefsten Grund der Partnerschaft zwischen Menschen fragen und von ihm aus urteilen?

Für den einzelnen Menschen verkündet das Christentum die Möglichkeit, in einer intimen Partnerschaft – aber längst nicht nur dort – in Berührung mit sich zu kommen. Dieses Vermögen zeichnet ihn als Menschen aus; es ist nicht gut, dass er allein sei.

Das Christentum, wenn es dem Leben dienen will, muss solche intimen Partnerschaften schützen und ihnen aus seiner Sendung heraus zum Durchbruch verhelfen. Nur dort können Menschen intim miteinander werden, wo sie sich selbst als ganze Person anerkennen können. Das Christentum spricht dies zuerst im Symbol der Gottesebenbildlichkeit aus. Und weiß doch weiter um die bestehende Sehnsucht jedes Menschen nach Vergebung, Ganzheit und Erlösung.

Sich selbst – das eigene Geschlecht, die eigene Rollendefinition, sexuelle Neigungen und Vorlieben, etc. – anerkennen zu können, setzt Persönlichkeitsbildung voraus. Deshalb soll dies auch in den Schulen thematisiert werden.

Im Politischen muss das Christentum sich von seiner vormaligen Heiligung einzelner Sozialformen lösen. Es darf weder heterosexuelle, noch homosexuelle Partnerschaften an sich heiligsprechen. Es muss sich dort investieren, wo Menschen nach dem Unbedingten fragen. Die Gleichstellung homosexueller Menschen muss daher als Anliegen der Christenheit gelebt werden.