Morgen erinnern wir wieder an die brennenden Synagogen der Novemberpogrome von 1938 und an die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande.
Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da,
und keiner ist bei uns, der etwas weiß.
(Psalm 74, 8b,9)

Laut Renate Wind („Dem Rad in die Speichen fallen – Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer“, S. 157; Rezension) unterstrich Dietrich Bonhoeffer nach den Novemberpogromen 1938 diese Verse in seiner Bibel und versah sie mit dem Datum 9.11.1938. Bonhoeffers Umdeutung erinnert heute an die als „Reichskristallnacht“ euphemistisch beschriebenen Übergriffe auf Synagogen und jüdischen Einrichtungen und Läden, die vielerorts zerstört und niedergebrannt wurden.

Mich erinnern die Psalmverse aber auch an die zahlreichen Verbrechen, die auch heute an Symbolen des Judentums und Juden selbst in unserem Land und in Europa verübt werden. Bis heute steht vor der Neuen Synagoge in Dresden immer ein Polizeiauto, aus gutem Grund. Und in dem Tohuwabohu rund um das Charlie-Hebdo-Attentat in Paris ist häufig untergegangen, dass in einem Supermarkt für koschere Waren vier Juden ermordet und weitere als Geiseln genommen wurden. Der Attentäter starb bei der Erstürmung des Ladens, ein paar Tage später fand eine große Trauerfeier in der Pariser Synagoge statt und ein Begräbnis in Israel.

Kein Prophet ist mehr da und keiner ist bei uns, der etwas weiß. Das gemahnt mich an die Ratlosigkeit vieler Menschen guten Willens in Deutschland und überall auf der Welt im Angesicht des Terrors oder des Fremdenhasses. Stellvertretend für die Ratlosigkeit, die ich auch in meiner Heimat Dresden in den letzten Monaten immer wieder erlebt habe, ein Zitat aus einem Text von Michel Friedman, den er über seinen Besuch in Freital für die B.Z. geschrieben hat:

„Lutz Richter erschreckt mich mit einem resignierenden Kommentar. „Auf die Dauer werden wir das nicht schaffen. Weil wir nicht genug sind und die Kräfte der Gutwilligen schwinden.“ „Werden die Nazis also das letzte Wort haben?“, hake ich nach. „Wenn wir das politisch in den Griff bekommen: Nein.“ Ich frage ihn, ob er einen politischen Plan habe. Schweigen. Ich wiederhole meine Frage: „Ihre Partei hat doch fast 20 Prozent im sächsischen Landtag. Sie müssen doch einen Plan haben. Schweigen. Und schließlich, nach einigen Minuten, gequält. „Erstens: Stärkung der Initiativen. Zweitens: Interkulturelle Kompetenz.“

Richter merkt, dass das nicht sehr viel ist in Anbetracht dessen, dass in diesem Jahr in ganz Deutschland 500.000 Flüchtlinge erwartet werden. Seit Monaten weiß die Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik, was auf sie zukommt. Eine der reichsten Industrienationen der Welt scheint nicht in der Lage zu sein, mit einer Bevölkerung von über 80 Millionen, diese Herausforderungen zu managen und zu finanzieren.“

Keiner ist bei uns, der etwas weiß. Das stimmt ja nicht, will ich laut sagen: Viele Menschen – auch ich – beschäftigen sich tagtäglich mit den erschütternden Nachrichten vom Flüchtlingselend, vom Wüten des Islamischen Staats, etc.. Und nicht nur mit den aktuellen Nachrichten sind viele von uns vertraut, wir kennen auch die Hintergründe vieler der aktuellen Konflike – was meine Ratlosigkeit manchmal jedoch nur noch größer macht, wie sollen so komplexe Probleme wie der Nahost-Konflikt, das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religion, Herkunft und Sprache in Europa, die Not der Flüchtlinge, die soziale und wirtschaftliche Not im Süden Europas und darüber hinaus gelöst werden? An weisen Frauen und Männern aber gebricht es uns nicht, vielleicht eher an genug geduldigen Ohren, die ihnen zuhören.

Ich erinnere mich an ein Gespräch während eines FSJ-Seminars im letzten Winter (hier habe ich in anderem Zusammenhang schon einmal kurz darüber geschrieben): „Wenn mein Gesprächspartner selbst Zahlen und Statistiken des Statistischen Landesamts in Frage stellt und damit sein mangelndes Vertrauen auch in diese Institution dokumentiert, wie soll ich darauf reagieren? Können staatliche Stellen es sich überhaupt leisten, weniger arrogant aufzuschlagen? Wo die Faktenbasis auf Grund grundstürzender Verwirrung geleugnet wird, hilft wohl auch Demut nicht weiter.“

Unsere Zeichen sehen wir nicht. Viele Menschen vertrauen nicht mehr den hergebrachten Ordnungen. Was die Nachrichten angeht nicht mehr der Tagesschau. Was die Zukunft angeht keinem der Politiker. Was ihr Leben angeht keinem Gott mehr? Dass am Grunde vieler unserer aktuellen Probleme in Deutschland und Europa – wie oft ist allein in der Griechenlandkrise die Forderung nach mehr Vertrauen gestellt worden? – eine Vertrauenskrise liegt, ist inzwischen bekannt und fast schon eine Binse, wenn man es bei einer bloßen Forderung belässt. Doch wie kann neues Vertrauen gestiftet werden? Doch nur durch gemeinsames Er-Leben – Erfahrungungen der Bewährung einer Gemeinschaft.

Die gemeinsam durchlebte und bewältigte Flüchtlingskrise könnte zu so einer identitätsstiftenden Erfahrung werden – wie auch das Zusammenwachsen Deutschlands es für viele Menschen nach dem Mauerfall, dem wir am 9. November auch gedenken, geworden ist.

(mit Material von hier)