Heute sprach Ruth Klüger zur Gedenkstunde an die Shoah im Deutschen Bundestag. Ihre Rede im Manuskript (ein paar spontane Ergänzungen gab es) findet Ihr auf den Seiten der Jüdischen Allgemeinen (Link). Die Rede Ruth Klügers findet Ihr als Video auf den Seiten des Deutschen Bundestages (Link).

Mich hat ihre Rede zugleich beschämt und aufgerichtet zurückgelassen. Meine Scham nimmt ihren Ausgang bei den deutschen Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus, für die ich als Jüngere nichts kann. Sehr wohl aber kann ich etwas dafür, dass immer noch so wenig Bescheid gewusst wird. In diesem Jahr standen vor allem die Schicksale der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen im Fokus. Auch Ruth Klüger gehörte zu diesen Menschen, die häufig – wie sie – fast glücklich waren, den Gaskammern entronnen zu sein, aber auf ganz andere entsetzliche Weise dem NS-Staat zu Diensten sein mussten. Ein Schicksal, das häufig bis heute verharmlost und verschwiegen wird.

Ich habe mich angesichts der tiefen Humanität und der Schönheit ihrer literarischen Worte aber für allem für unser heutiges Deutschland geschämt, in dem im doppelten Sinne hässliche Worte salonfähig geworden sind. Umso mehr war ich am Ende ihrer Rede davon überrascht, dass sie – Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft – uns Deutschen sogar Mut zu sprach.

„Verehrtes Publikum, ich habe jetzt eine ganze Weile über Versklavung als Zwangsarbeit in Nazi-Europa gesprochen und Beispiele aus dem Verdrängungsprozess nach 1945 zitiert. Aber eine neue Generation ist seither hier aufgewachsen, und dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie Flüchtlinge aufgenommen haben. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind.

Das war der Hauptgrund, warum ich die Gelegenheit wahrgenommen habe, in Ihrer Hauptstadt über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und trotz Hindernissen, Ärgernissen und Aggressionen noch weiter entsteht, mit dem schlichten und heroischen Slogan: Wir schaffen das.“

Mit diesen wenigen, impliziten Worten hat Ruth Klüger mich und uns alle an unsere Verpflichtung erinnert: Unsere Verpflichtung gegenüber den Opfern des Holocausts, unsere Verpflichtung unserer eigenen Humanität gegenüber und auch unsere Verpflichtung gegenüber dem – im vollumfänglichen Sinne des Wortes – schönen Bild, das Deutschland im Sommer und Herbst letzten Jahres von sich entwarf.

Diese Selbstverpflichtung muss erneuert werden, ausnahmslos von jedem der Parlamentarierer und Würdenträger, die sich nach ihrer Rede zu stehenden Ovationen erhoben. Und diese Verpflichtung gilt auch mir, uns allen.

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