Friederike Erichsen (@feriwen) hat auf ihrem Blog zwischengerufen einen bemerkenswerten Text über die Aktion #DieTotenkommen geschrieben. Ich bin mir selbst – von einer großen Grundsympathie solcher öffentlicher (Kunst-)Aktion gegenüber abgesehen – unsicher, was ich davon halten soll. Friederike Erichsen fasst in ihrem Text viele gute Gedanken zusammen und fügt nicht nur ihre eigenen sehr guten hinzu, sondern ordnet ein. (Danke auch für Empfehlung per Twitter von @FrauAuge.)

„Überkomplex sei, so scheint sich derzeit ein Konsens zu kristallisieren, die Aktion #dietotenkommen des Künstlerkollektivs “Zentrum für Politische Schönheit”. Ginge es doch um die Würde von Toten, die Würde der Lebenden, darum, wer an Toten eigentlich handeln darf, um Gebote der Stunde, um Einwanderungspolitik, das Bild der Festung Europa, um Aktionskunst, um öffentliche Aufmerksamkeit, um Trauer, um Medienethik, um religiös motivierte Imperative, um Selbstdarstellung.  Ja, all dies. Doch wer die seit Tagen anhaltende und provozierte Diskussion um die Aktion des ZPS als überkomplex bewertet, immunisiert sich auch gegenüber den Fragen, die damit gestellt sind.“

„Die Aktion des ‘Zentrum für Politische Schönheit’ ist mit großer Selbstverständlichkeit digital und sie ist vom christlichen Zeichencode durchdrungen. […] Zweites ist eher überraschend, ist die Aktionskunst doch hauptsächlich aus dem linkspolitischen Lager motiviert. Und damit traditionell eher distanziert den christlichen Konfessionen gegenüber. Hier reicht die Aktion aber weiter, näherhin: tiefer in die gesellschaftliche Grundlogik hinein. Ganz gleich, wie unterschiedlich die, meist in Nacht- und Nebelaktionen entstandenen, symbolischen Gräber aussehen, ein Kreuz fehlt fast nie, selten die Grablichter. Gelegentlich finden sich Hinweise darauf, dass Gräber andere Zeichen benötigten, da viele der Menschen, die auf der Flucht umgekommen sind, nicht einer der christlichen Konfessionen angehörten. Diese Hinweise, die danach fragen, ob es sich um angemessene Repräsentanzen handelt, sind vergleichsweise vereinzelt. Das deutet darauf hin, dass die Aktionssymbolik sich in erster Linie als kulturelle Codierung versteht, weniger als religiöser Bekenntnisakt Einzelner. […] Die Aktion bedient sich einer offensichtlich fest gekoppelten Symbolik, die auch in einer Zeit funktioniert, in der die Orte unserer Toten sich immer weiter individualisieren und aus dem öffentlichen Raum zunehmend verschwinden.“

Unbedingt lesenswert!